Scherzinfarkt Wie ich den 3. März 2009 erlebte

Wie ich den 3. März 2009 erlebte

Abgelegt unter Köln am 3. März 2010 um 08:00 Uhr 3 Kommentare

Es gibt Ereignisse und Tage, die vergisst man seinen Lebtag nicht. Bei den Älteren ist der Tag, als Kennedy erschossen wurde, solch einer. Bei uns allen ist es der 11. September 2001, der sich ins Hirn gebrannt hat. Und bei allen Kölnern ist es der 3. März 2009 – der Tag, an dem das Stadtarchiv einstürzte. Heute ist es genau ein Jahr her, dass der Bau zwei Menschen unter sich begrub. Und ich habe den Tag noch im Kopf, als wäre es gestern gewesen…

Der 3. März 2009 war in jeder Hinsicht ein turbulenter Tag. Ich saß kaum zehn Minuten an meinem Arbeitsplatz, als es passierte: Großfeuer in der Gilden-Brauerei in Köln-Mülheim. Für mich als Online-Redakteur ein spannendes Ereignis! Schnell mussten Fakten rangeschafft werden, ein Text geschrieben und online gestellt werden, Bilder der 10.000 brennenden Kölschfässer zu einer Fotogalerie zusammengefasst werden, Texte wieder aktualisiert werden. Dieser spektakuläre Brand war ein großes Ereignis. Das größte Ereignis des Jahres 2009. Als ich das dachte, hatte ich ja keine Ahnung…

Um kurz vor 14 Uhr war der Großbrand soweit “bearbeitet”: Die Feuerwehr hatte die Flammen gelöscht oder zumindest im Griff, wir hatten einen umfassenden Bericht mit vielen Bildern auf der Homepage – alles war in Ordnung. Erstmal die Blase entleeren, dachte ich mir. Doch es war kurz vor 14 Uhr und um 14 Uhr ist unsere Mittagskonferenz angesagt. Na gut, gehe ich eben nach der Konferenz, dachte ich mir.

Die Uhr zeigte kurz nach zwei und die Diskussion über die Inhalte der morgigen Zeitung war in vollem Gange, als auf einmal ein Kollege in den Raum kam, direkt links von mir in die Knie ging und dem Leiter der Lokalredaktion etwas ins Ohr flüsterte. Auf die ungläubige Reaktion “Was?” wiederholte der Kollege seine Worte etwas lauter: “Das Stadtarchiv ist eingestürzt.” Stille. Nur für wenige Sekunden. Dann ging alles rasend schnell.

Die Informationen überschlugen sich. Ein Haus in der Südstadt sei jedenfalls eingestürzt, hieß es. Ob es wirklich das Historische Archiv war – unklar. Ein weiterer Kollege sei schon auf dem Weg in die Südstadt.
Was von diesem Moment an passierte, geschah wie fremdgeleitet, völlig automatisiert. Ich griff zum Telefon, rief den Kollegen vor Ort an. Kein Durchkommen. Ein zweiter Versuch. Er ging ran. Während die Konferenz sich längst aufgelöst hatte und die Kollegen die Nachricht in die einzelnen Büros trugen, hörte ich durch das Telefon nur Sirenen und Hubschraubergeknatter. Ganz abgehackt die Stimme des Kollegen. So muss es mitten in einem Kriegsgebiet klingen, dachte ich mir.

Ich musste schreien, um mich mit ihm zu verständigen. “Was ist passiert?” – “Ich weiß es noch nicht, wir kommen noch nicht ran.” – “Ist es das Stadtarchiv?” – “Keine Ahnung, hier ist alles voll Staub, da hinten sehe ich Trümmer.” Nach wenigen Minuten legte ich auf. Sinnlos, ein Gespräch zu führen, zu frisch war es, was dort passiert ist. Sofort stellten wir eine Erstmeldung auf die Homepage, basierend auf den wenigen Fakten, die wir zu diesem Zeitpunkt kannten: “Haus in der Kölner Südstadt eingestürzt.”

In den nächsten Minuten überschlugen sich die Ereignisse. Ein ganzer Wohnblock soll eingestürzt sein, hieß es irgendwo. An anderer Stelle wurden schon “bis zu 30 Tote” verkündet. Doch noch immer gab es keine verlässlichen Informationen von vor Ort. Bis wenige Minuten später der Kollege anrief: “Ja, es ist das Stadtarchiv. Das Stadtarchiv ist eingestürzt.”

Bestürzung und Entsetzen in der Redaktion. Doch es muss weitergehen. Professionell sein, recherchieren, informieren!

Minütlich kamen nun neue Infos rein. Eine Leserin hatte uns das erste Foto von der Unglücksstelle gemailt. Als ich es sah, dachte ich an eine Filmszene. Unbegreiflich, dass dieses Bild wenige Minuten vorher und wenige Kilometer entfernt aufgenommen wurde. Mechanisch stellte ich das Bild an den Artikel, schrieb weitere Informationen in den Text. Immer noch keine Aussagen über Vermisste oder Opfer. Eine andere Zeitung wollte etwas von 15 Toten wissen. Wir blieben dabei, keine Zahl zu schreiben – zu unübersichtlich war die Lage.

Und zu sehr überschlugen sich die Ereignisse. Über Stunden änderte sich die Lage minütlich. Von einem auf den anderen Moment war die Kölner Welt aus den Angeln gehoben. Erst am frühen Abend hatte sich das Tempo der Entwicklungen ein wenig gelegt und ich konnte meine für nach 14 Uhr geplante Toilettenpause endlich nehmen. Doch uns war allen klar, dass die letzten Stunden erst der Anfang waren…

Die Print-Kollegen hatten blitzschnell eine Frühausgabe mit den ersten Erkenntnissen zum Einsturz produziert und arbeiteten bereits an weiteren Fassungen. Inzwischen wurden die ersten halbwegs verlässlichen Vermisstenzahlen bekannt. Zwischen vier und sechs Menschen seien vermisst, hieß es. In der Katastrophe hatte es wohl doch noch kleine Fetzen Glück gegeben – die Bewohner der angrenzenden Häuser und die Besucher des Archivs waren offenbar rechtzeitig gewarnt worden und hatten sich in Sicherheit bringen können. Alle, bis auf zwei, wie wir später erfahren würden. Zwei junge Männer, 17 und 23 Jahre alt, hatten in ihren Wohnungen geschlafen. Sie konnten nicht gewarnt werden. Sie konnten nicht gerettet werden…

Später am Abend, als sich die blanke Aufregung langsam gelegt hatte und nur noch das Entsetzen herrschte, konnte ich einen Gang zurückschalten. Die Entwicklungen an der Unglücksstelle gingen langsamer von statten, die Ersthilfe war geleistet. Es gab nicht mehr viel zu berichten. Wir konnten nichts machen. Nur die Helfer an der Einsturzstelle schufteten diese und die kommenden Nächte durch. Ich selber konnte am späten Abend nach Hause gehen, die Akkus aufladen, um am nächsten Morgen ab sechs Uhr wieder am Schreibtisch zu sitzen und die Ereignisse der Nacht aufzuarbeiten. Dieser Tag hatte alles verändert…

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3 Kommentare:

  1. sandra sagt:

    erschreckend wie schnell die Zeit rennt ,
    irgendwie habe ich das garnicht so extrem erschreckend wahrgenommen , damals …
    wünsch dir was

    sandra

  2. Agent_Dexter sagt:

    Sehr packend und verdammt authentisch geschrieben! Wirklich gut.

  3. Punkopfer sagt:

    Waoh…ich les deinen Blog so schon total gern, aber der Text ist wirklich genial, dein Schreibstill ist so packend und mitreisend!!!

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© Florian Meyer 2010