Der Tod lauert in der Brötchentheke

Wenn es einen Berufszweig gibt, der akut vom Aussterben bedroht ist, dann ist es der des Bäckers. Mal ehrlich: Wer von uns kauft denn noch beim echten Bäcker seine Brötchen? Bei einem Meister, der morgens um drei Uhr aufgestanden ist, um mit den Händen seinen Teig zu kneten, zu rollen und zu backen, um seine ersten Kunden um sechs Uhr mit frischen Brötchen zu begrüßen?

Nein, heute kauft man seine “frischen” Brötchen entweder bei Billig-Backketten mit so klangvollen Namen wie “Backwerk”, “Billy Back” und “Back König (wir backen, du König)” – oder aber im Supermarkt. Inzwischen ist eigentlich jeder Wald- und Wiesen-Supermarkt ein eigener Bäckersladen: “Wir backen mehrmals täglich frisch!” verkündet sogar der kleinste Discounter im Dorf. Doch mit dem echten Bäcker, der morgens um drei aus dem Bett gekrochen ist, hat dieser “Bäcker” ähnlich viel gemeinsam wie Angela Merkel mit Pamela Anderson.

Die Backwaren-Theke im Supermarkt besticht dabei vor allem durch eins: eine spannende Architektur. Auf die Vorrichtungen, in denen Discounter ihre frisch aufgebackenen Brötchen-Teiglinge vor den Kunden schützen wollen, wäre so mancher Pyramiden-Erbauer stolz gewesen. Die Plexiglasklappe gehört ja mittlerweile schon zum Standard. Wenn man die mit der linken Hand anhebt, hat man in der Regel schon keine Hand mehr frei – denn in der rechten Hand hält man ja die Brötchentüte, in der man seine Beute abtransportieren will. Doch mit quasi keiner freien Hand muss man noch in den Schacht hinter der Plexiglasscheibe langen und wahlweise eine Zange ergreifen, um sich ein Brötchen aus der Masse zu angeln, oder – die Fortgeschrittenen-Edition – ein Brötchen aus der Masse mit einer schaufel-artigen Konstruktion nach vorne ziehen, bis es durch eine Luke fällt, aus der man es sich dann nehmen kann.

Es soll Orthopäden geben, die in den letzten Jahren ihre Patientenzahl verdoppelt haben, weil beim Brötchen-aus-der-Brötchentheke befreien zahlreiche Supermarkt-Kunden einen Hexenschuss erlitten haben. Wenn man mal ein paar Stunden nichts zu tun hat, muss man einfach mal in den Supermarkt gehen und sich das Schauspiel vor der Theke des Grauens ansehen – herrlich, wie sich manch einer verrenkt, um an vermeintlich frische Backwaren zu kommen.

Und woran liegt das alles? Mal wieder nur an der deutschen Angst. Denn wenn Supermarkt-Brötchen einfach zu erreichen wären, wären wir ja alle dem Tode geweiht. Man mag es sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn Hinz und Kunz mit ihren Händen in die Brötchentheke greifen und dabei andere Brötchen antatschen! Die ganzen Bakterien…! Und so erleidet ein Großteil derer, die beim Brötchenkauf zwanzig Cent sparen, weil sie nicht zum echten Bäcker gehen, einen Bänderriss beim Brötchen-Befreien – aber wird wenigstens nicht von den heimtückischen Brötchen-Bakterien attackiert.

Nur sonntags – da gehen sie dann wieder zum alt eingesessenen Bäckersladen und lassen sich das Brötchen auch mal was kosten. Ist ja Sonntag. So stehen sie dann an der Theke, bestellen sechs frische Brötchen und wundern sich kein Stück, wenn die dicke Bäckerin, die gerade noch mit blanken Händen die Käsecremetorte zurück ins Regal gedrückt hat, ihnen das Backwerk mit eben diesen bloßen Händen in die Tüte wirft. Wir sind schon ein eigentümliches Volk, wir Deutschen…

Dieser Eintrag wurde geposted amMontag, Februar 14th, 2011zu16:58und ist abgelegt unterBeobachtungen, Gedanken, GesellschaftSie können alle Antworten zu diesem Eintrag folgen durch den RSS 2.0feed. Sie können einen Kommentar hinterlasse , oder trackback von deiner eigenen Seite You can leave a response, or trackback from your own site.

Über den Autor:

Florian Meyer ist Online-Redakteur und Tupperware®-Berater in Köln, Netz-Junkie, Twitterer, Beobachter, Schreiber

4 Comments

  1. Knack'N'Back

    Vor allem haben “wir Deutschen” immer etwas zu meckern, wie dieser Blog-Eintrag wunderbar beweist. ;)

  2. Andreas

    Wenn ich dereinst vorm Allmächtigen stehe und er eine Bäckerschürze trägt, kann ich erhobenen Hauptes verkünden: “Ich habe immer beim Bäcker am Eck gekauft, der wenn ich um 3 Uhr nach Hause komme, schon Licht an hat und meine Brötchen backt.” Und wer sich vor den fremden Fingern ekelt, dem rufe ich zu: “Vertraut der Magensäure !!”.

  3. Matilda

    Achso? Ist es nicht eklig, wenn der Penner aus der Schildergasse sich mit seinen Fingern ein Stück Cheeseburger aus dem Mülleimer angelt, sich die Hände mit seiner keimverseuchten Zunge sauber leckt und dann 23 Cent aus der Tasche holt, wo neben benutzten Taschentüchern noch die Bakterien der letzten Wochen hängen und sich dann ein Brötchen ohne Zange aus dem Automaten holt?

    Lecker. Dann doch lieber die Dicke mit den Cremetortenfingern.

  4. Die schönsten Geschichten schreibt einfach das Leben.
    Mit dieser Situation kann sich eigentlich jeder identifizieren, auch wenn man es vielleicht nicht wahr haben möchte ; )

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTMLTags und Attribute benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>