Altwerden
Manche Dinge habe ich nie verstanden, als ich noch unfraglich jung war. Zum Beispiel: Wie kann mein Opa stundenlang im Sessel sitzen und klassische Musik hören? Wie kann ein Mensch sagen: “Schau mal, die schöne Landschaft da!”? Wie kann man zum Zeitvertreib spazierengehen? Heute stelle ich mir diese Fragen nicht mehr. Heute bin ich selber alt. Mit 28.
Für viele Menschen ist es – wenn man der landläufigen Beschreibung glauben darf – ein harter Moment, wenn sie erkennen: Scheiße, ich bin alt! Bei mir ist das nicht so. Und doch wundere ich mich schon ganz erheblich darüber, wie man sich ändern kann und damit auch all die Ideale, die man einst meinte zu vertreten, mit Füßen tritt.
Ich habe mich zum Beispiel nie groß für Geschichte und Geschichtliches interessiert. Ich lebe im Hier und Jetzt – was sollen mich da alte Bunker oder Geschichten von längst zu Staub zerfallenen Königen interessieren? Dachte ich. In den letzten Wochen und Monaten ertappe ich mich allerdings immer wieder dabei, wie ich genau das Gegenteil tue. Ich schaue die historische Serie “Die Tudors” und google sogar noch die Hintergründe der Charaktere – einfach, weil ich es spannend finde. Oder ich besuche mit meinem Freund eine alte NS-Burg in der Eifel und bin fasziniert von der “historischen Luft” und dem geschichtsträchtigen Ort. Was ist nur los mit mir?
Ein weiteres Beispiel: Landschaft. Wie kann man sich nur über Berge und Bäume freuen – die sind eben da! Das habe ich früher als Kind und Heranwachsender gedacht und dabei innerlich jedem einen Vogel gezeigt, der mir ein “Schau mal, wie schon das blüht!” entgegenstaunte. Glaubt man’s? Heute bin ich ähnlich begeistert von Selbstverständlichkeiten wie blühenden Bäumen und blauen Seen, schaue mir mit Freude Landschaften an und kann Aussichtspunkten was abgewinnen. Ich atme dabei teilweise sogar tief ein und genieße den Moment. Als Kind hätte ich mich schon ziemlich unknorke gefunden!
Musik ist auch so eine Sache: Wie kann man nur klassische Musik cool finden, habe ich einst gedacht. Heute sitze ich im Büro und habe Beethovens Neunte im Kopfhörer – einfach, weil es so epochal und bewegend ist. Klassische Stücke sind nicht umsonst Klassiker, habe ich inzwischen erkannt. Klassische Musik wird noch aufgeführt und gehört, weil sich das Beste über hunderte Jahre erhalten hat und heute noch die Menschen bewegt. Wahrscheinlich würde ich heute sogar bei einem Besuch des Beethovenhauses in meiner Geburtsstadt Bonn staunen und mich von den ausgestellten Klavieren und Schriften begeistern lassen. Wenn ich früher als Kind mit meiner Mutter da war, habe ich mich immer gefragt, wie traurig ein Leben sein muss, wenn man sich freiwillig so altes lahmes Zeug anschaut.
Landschaften ansehen, klassische Musik hören, Rotwein trinken – ja, es geht rapide bergab mit mir. Aber das erschreckendste ist wohl: Es fühlt sich überhaupt nicht falsch an. Letztens habe ich sogar kurzzeitig darüber nachgedacht, dass ich ja in zwei Jahren dreißig werde. 30! Komischerweise stört mich auch das nicht so sehr. Vielmehr freue ich mich inzwischen, dass ich Dinge schätzen kann, die ich früher doof fand. Allerdings finde ich inzwischen auch einiges doof, was die jetztige junge Generation cool findet. Aber die werden in ein paar Jahren auch Beethoven hören. Bestimmt!
Dieser Eintrag wurde geposted amMontag, April 4th, 2011zu16:33und ist abgelegt unterBeobachtungen, MeinungenSie können alle Antworten zu diesem Eintrag folgen durch den RSS 2.0feed. Sie können einen Kommentar hinterlasse , oder trackback von deiner eigenen Seite You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed.










