Da ist das Ding: “auch” ist draußen, das neue Album von Die Ärzte. 16 nagelneue Songs, brandneues Geschrammel und flammneue Verbalergüsse der Besten Band der Welt.
Ich habe mich inzwischen einmal durch das neue Album durchgehört und liefere euch hier ein erstes kurzes Fazit ab (Achtung: Vielleicht gehen einige Songs erst nach mehrmaligem Hören so richtig ins Ohr). Hier die Einzelkritiken:
1. Ist das noch Punkrock?
“Läuft’s? Herrlich!” – ein Album-Auftakt nach Maß! Typischer DÄ-Sound und die Frage, ob es noch Punkrock ist, wenn deine große Liebe Andrea zwar blaue Haare hat, aber mit dir bei Ikea eine Küche kaufen geht: “Das hat so den Coolness-Faktor von einem Garten-Traktor”. Typisch lustiger Farin-Text, saubere Melodie, ein Ärzte-Song wie aus dem Bilderbuch!
2. Bettmagnet
Gaga-Song, in dem Bela das Gefühl beschreibt, das herrscht, wenn man nicht aus dem Bett aufstehen will und/oder kann: “Wer holt uns hier raus, wer hört unser Schreien?” Sinn und Tiefgang gibt’s in diesem Song nicht, dafür eine Melodie, die ins Ohr geht. Witzigste Textzeile: “Wer holt uns hier raus oder kann uns schnell noch eine Pizza mitbestellen?”
3. Sohn der Leere
Gefühlsduseliger Song in Rod-Manier. “Sohn der Leere” ist der erste Song, den ich so lala finde. “Habe die Ehre, ich bin der Sohn der absoluten Leere” stellt Rod sich vor. Außer ein paar “Oh yeah” ist sonst nicht viel los., etwas enttäuschend.
4. TCR
Schneller Gute-Laune-Song, in dem DÄ feststellen: “Wir kümmern uns um den Rock!”. Ein etwas schräger Text (Farin, klar!), dazu eine schnelle Melodie und verschiedenste eingespielte Musikschnipsel, die die Vielseitigkeit der Besten Band der Welt unterstreichen. Ein Lied zum Aufmuntern, ohne besonders herauszustechen.
5. Das darfst du
Der erste und einzelne echt sozialkritische Song des Albums über (Non-)Konformisten und darüber, wie gut es tut, mal eine eigene Meinung zu haben und auch dazu zu stehen – “denn das darfst du!”. Tolle Zeilen, die zum Nachdenken anregen und was verändern wollen: “Weil alle ihren Kopf ausruh’n, musst du das nicht genauso tun!” Auch die Melodie ist eingängig, Daumen hoch für dieses Lied!
6. Tamagotchi
Blöder Nonsense-Track über die kleinen piepsenden Plastik-Eier aus den Neunzigern: “Tamagotchi – Ich hab dich großgezogen, doch unsere Zeit ist schnell verflogen. [...] Meld dich doch mal bei deinem Vater!” Was dieses Lied soll, weiß wohl keiner.
7. M&F
Hier geht es um den ältesten Konflikt der Welt: Die Buchstaben M&F stehen für “Männer & Frauen”, die Moral des Liedes lautet “Männer und Frauen sind das nackte Grauen, wie sie sich stundenlang tief in die Augen schauen, und Frauen anderen Frauen ihre Männer klauen und die Männer an den Frauen ihren Frust abbauen.” Ganz netter Song mit coolem Sound. Lieblings-Textschnipsel: “Manche Männer lieben Männer, manche Frauen eben Frauen – da gibt’s nichts zu bedauern und nichts zu staunen. Das ist genau so normal wie Kaugummi kauen – doch die meisten werden sich das niemals trauen” Daumen hoch!
8. Freundschaft ist Kunst
Wieder ein Song, der nicht unbedingt aufs Album gemusst hätte. Es geht darum, mit Künstlern befreundet zu sein und wie sowas die Menschen verändert: “Dein Lebens-Kompromiss war mir schon lange zu krumm.” Nicht so mein Fall, das Lied…
9. Angekumpelt
Nach dem ersten Hören des Albums mein Lieblings-Song! “Ich kenn dich nicht, weil ich dich nicht kennen will”: Es geht um Mitmenschen, die einen “ankumpeln” wollen und sich wie Kletten an einen hängen, obwohl man die gar nicht um sich haben will. Toller Text, eine schicke Melodie und der beste Reim des Albums: “Du willst Freunde adden – ich bin heut’ dein Armagedd’n.” Schlichtweg gut!
10. Waldspaziergang mit Folgen
Farin geht im Wald spazieren, bringt ein Stück Holz mit, stellt es sich ins Regal und betet es als Gott an. Klingt meschugge, ist auch so – aber ziemlich unterhaltsam. Text-Auszug: “Auch wenn andere behaupten, ich wäre nicht normal: Ich habe einen Gott bei mir im Regal.”
11. Fiasko
Ähnlich wie in “Wie es geht” vom Album “Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!” geht es um das erste Ansprechen einer ansprechenden Frau und die damit einhergehenden Komplikationen. Textlich keine Offenbarung, aber musikalisch ein rechtes Brett. Zitat: “Ich öffne meinen Mund, massive Amnesie! Fiasko, Fiasko! Ich würd im Erdboden versinken, wenn ich nur wüsste, wie!”
12. Miststück
Ein Schimpf-und-Schande-Song als Abschiedsgruß an die Ex: “Du widerwärtig gehässiges Miststück! Du bist nichts wert, du riechst wie Pferd!” Aber natürlich wird hier nicht nur hinterhergepöbelt, sondern auch vermisst: “Wärst du ein Stoff, dann wärst du Filz. Wärst du ein Eis, dann eins das schmilzt. Bitte komm doch zurück, ich vermisse dich mein, oh mein geliebtes Miststück!” Der Song trägt eindeutig Belas Handschrift, geht voll in Ordnung.
13. Das finde ich gut
Rods Schmalz-Stimme trägt zu einer fröhlichen Melodie einen eigentlich eher traurigen Text zum Sterben und offenbar zur Ankunft im Paradies vor: “Nimm meine Hand und werde glücklich, denn endlich ist endlich unendlich. Du siehst kein Gesicht, kein jüngstes Gericht, fühlst kein Gewicht. Geh einfach ins Licht!” Der Song geht ein wenig unter auf dem Album, ist er doch so schnell vorbei und auf den ersten akkustischen Blick so unscheinbar. Eine Wertung entfällt, zu dem Song habe ich keine Meinung.
14. Cpt. Metal
Ein neuer Superheld ist geboren. Nach einem kurzen Intro, das uns in Sicherheit wiegen soll, legt “Captain Metal” richtig los: Der Song rockt so richtig – musikalisch und textlich: “Wie oft hast du dich heute schon gefragt: warum klingt dein Radio wie ‘ne Liveschaltung zum Supermarkt? Du hörst Mariah Carrey und du spürst den Hass – ruf einfach Captain Metal, auf den ist noch Verlass!” Ein wenig Blödsinn, gekleidet in ein knallhartes Gewand – die Ärzte wissen mal wieder, zu überraschen. Passt aber mal wieder super zu ihnen!
15. Die Hard
Noch ein düster klingender Rocksong mit auf den ersten Blick brutalem Text – es geht ums langsame Morden. Im Refrain wird dann klar, dass es wieder typischer Blödsinn a la Ärzte ist: “Ich bewerf dich mit Wattebällchen, jeden Tag jede Nacht. Ich werde dich mit Wattestäbchen ausradieren, das wär doch gelacht. Du musst nur geduldig sein und still halten – denn dieser Tod ist sehr langsam und brutal!” Wieder mal ein verzichtbarer Song, der aber wenigstens das Album füllt.
16. zeiDverschwÄndung
Die erste Single-Auskopplung ist ja schon eine Weile bekannt. Anfangs hat’s mich geschüttelt bei diesem Nonsense, doch inzwischen wippt sogar mein rechter Fuß mit und ich finde die Selbstironie einfach nur herrlich. Der Song geht ins Ohr – aber wir sind besseres gewohnt.
Gesamtfazit:
“auch” ist da – aber hat das Warten gelohnt? Das muss wohl die Zeit zeigen. Nach dem ersten Hören freue ich mich in jedem Fall, dass die Super Drei aus Berlin (aus Berlin!) wieder da sind und klingen wie eh und je – allerdings fehlt mir persönlich ein Kracher auf der Scheibe. Kein Song sticht so richtig heraus und für meine Begriffe ist ein bisschen viel Quatsch und ein bisschen wenig Politisches dabei, was ich ziemlich schade finde. “Mutig” zum Beispiel, die B-Seite von “zeiDverschwÄndung”, hätte ich lieber auf dem Album gehabt… Dennoch: Fans kommen nicht an “auch” vorbei – vor allem wegen abermals genialen Texten und Reimen. Und natürlich dürfen auch alle anderen zugreifen – und Fans werden!
Und eure Meinung zum neuen Album? Ich freue mich über Wortmeldungen in den Kommentaren!
(Foto: Jörg Steinmetz)










Eine schöne Kritik die gefällt.
Allerdings hätte die schöne Aufmachung, sowie das Spiel auch eine kleine Erwähnung verdient. Es gibt nicht viele Bands/Künstler die einen Wert darauf legen dem Fan was zu bieten. Etwas was man sich gerne ins Regal stellt und für mich der Hauptgrund lieber was handfestes zu kaufen und nicht den digitalen Download bei iTunes und Co.
Lg
Dirk
(und nun wird es auch Zeit für auch)
Da kann ich mich Dirk nur anschließen, ist heutzutage echt was besonderes sowas und noch dazu ja auch echt witzig gemacht, aber in gewisser Weise sind die Ärzte ja bekannt dafür (siehe den Pizzakarton bei Jazz ist anders).
Aber das ist eben wirklich eine Sache die mehr als gefällt und alleine sowas ist mindestens für die Fans doch schon ein Kauf Grund, oder nicht?
Zu den einzelnen Liedern möchte ich mich noch nicht explizit äußern, da ich das Album bisher erst einmal nebenbei herunterplätschern lassen habe, und dementsprechend wenig von den Texten mitbekommen habe. Melodisch und allgemein musikalisch aber größtenteils ansprechend, das kann ich so schon sagen. Aber ist ja auch nur meine Meinung
Gruß
Martin
PS: Weiter so, Florian, lese deinen Blog echt gerne